Herzinfarkt-Schlaganfall-Risiko

Herz und Gehirn rechtzeitig schützen

Experten-Telefon
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Persönliche Risiken erkennen und wirksam vorbeugen

(djd). Herzinfarkt und Schlaganfall sind nach wie vor die häufigsten Todesursachen und dies häufig schon im mittleren Alter. Doch etliche dieser Fälle wären mit rechtzeitigen und wirksamen Präventionsmaßnahmen vermeidbar. Wie man seine Risiken erkennen und im Griff behalten kann, beantworteten vier Experten aus den Bereichen Kardiologie und Stoffwechselmedizin bei einer Telefonaktion.

Dr. med. Peter Bosiljanoff, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Nuklearmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in München. Schwerpunkte: Prävention und Behandlung von Gefäßerkrankungen, Arteriosklerose, Lipidologie.Dr. med. Holger Leitolf, Facharzt für Innere Medizin, Oberarzt in der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie sowie Leiter der Lipidambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).PD Dr. med. Friedhelm Späh, Facharzt für innere Medizin und Kardiologie, Leitender Oberarzt in der Abteilung für Kardiologie des Helios Klinikums Krefeld. Schwerpunkte: Herzkatheterdiagnostik, Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.Dr. med. Tobias Wiesner, Facharzt für Innere Medizin, Internist am MVZ Stoffwechselmedizin Leipzig. Schwerpunkte: Diabetologie und Endokrinologie.

Verantwortlich für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Arteriosklerose, auch Arterienverkalkung genannt. Dabei entstehen an den Gefäßwänden Ablagerungen aus Fett und Kalk, die sie dicker und unelastischer werden lassen und den Durchmesser der Arterien verringern. Brechen solche Plaques auf, bildet sich ein Blutgerinnsel – die Ader kann verstopfen, und ein Herzinfarkt oder Schlaganfall eintreten. Als wichtigste Ursachen für die schleichende Verengung der Gefäße gelten Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Stress und in erster Linie Störungen im Fettstoffwechsel, hier vor allem erhöhte LDL-Cholesterinwerte. Doch kann man erhöhte Cholesterinwerte beeinflussen oder sind sie eher genetisch bedingt? Dazu erläuterte der Kardiologe Dr. med. Peter Bosiljanoff: „Das individuelle Zusammenwirken von genetischen Faktoren und beeinflussbaren Risiken macht das Ergebnis aus. Es gibt sehr alte Kettenraucher, die bis ins neunte Lebensjahrzehnt keine Komplikationen haben. Das ist aber nicht der Normalfall. Insofern sollte den Risikoeinschätzungen und den daraus abzuleitenden ärztlichen Empfehlungen Folge geleistet werden.“

Bewegen und bewusst ernähren
Zu diesen Empfehlungen gehören der Verzicht auf das Rauchen, das Vermeiden von Übergewicht, eine gesunde Ernährung und vor allem ausreichend Bewegung. Das gilt auch für ältere, gesundheitlich vorbelastete Menschen, so Privatdozent Dr. med. Friedhelm Späh: „Gerade bei über 65-Jährigen führt regelmäßige körperliche Aktivität zu einer beachtlichen Abnahme der Sterblichkeit. Nach und nach verbessert sich die Lebensqualität auf vielfältige Weise.“ Beim Thema Ernährung riet Dr. Späh unter anderem zu einer guten Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren. Diese seien vor allem in Kaltwasserfischen wie Lachs, Makrele und Thunfisch enthalten, aber auch in bestimmten Pflanzenölen wie Soja-, Raps- oder Walnussöl sowie in Brokkoli. Dennoch muss man auf Leckereien wie Butter, Wurst oder Eier nicht komplett verzichten, ergänzt Dr. Bosiljanoff: „Die Ernährung spielt zwar eine wichtige Rolle, ist aber hinsichtlich der Beeinflussbarkeit des LDL-Cholesterinwertes in der Regel nur mit zehn bis 15 Prozent relevant. Ein vernünftiges Maß an derartigen Produkten – aber möglichst in einer fettarmen Variante – ist also erlaubt.“

Erhöhte Cholesterinwerte ernst nehmen
Einig waren sich alle vier Experten, dass erhöhte Cholesterinwerte beobachtet und gegebenenfalls behandelt werden müssen. Ab welchem Wert neben Lebensstilmaßnahmen auch Medikamente erforderlich sind, sei allerdings nicht pauschal festzulegen, sondern risikoabhängig, wie Dr. med. Tobias Wiesner erklärte: „Ein guter Ansprechpartner ist immer der Hausarzt. Er kennt nicht nur die Cholesterinwerte, sondern weiß auch, welche weiteren Erkrankungen vorliegen. Auf dieser Basis kann er den individuellen Zielwert mit dem Patienten festlegen.“

Reichen eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung nicht aus, werden bei erhöhten LDL-Cholesterinwerten in der Regel Statine eingesetzt, welche die körpereigene Cholesterinproduktion hemmen. Dr. med. Holger Leitolf erläuterte: „Die sehr seltenen, aber natürlich möglichen Nebenwirkungen der Statine sind von Patient zu Patient verschieden. Oft kann man durch eine Verringerung der Dosis, einen Wechsel auf ein anderes Statin oder den Einsatz von Kombinationspräparaten eine wirksame Therapie ermöglichen.“ Solche Kombipräparate werden auch eingesetzt, wenn sich durch Statine allein der Cholesterinspiegel nicht weit genug absenken lässt. Dazu Dr. Späh: „Durch die cholesterinsenkenden Statine wird die körpereigene Cholesterinproduktion reduziert. Als Folge nimmt die Cholesterinaufnahme aus dem Darm zu. Hier kann eine Kombitherapie, beispielsweise mit einem sogenannten Cholesterinaufnahmehemmer, ansetzen. Damit gelingt es oftmals, den LDL-Cholesterinspiegel stärker zu senken als mit einem Statin alleine.“ Sind die Cholesterinwerte gut eingestellt, lässt sich das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall deutlich senken.

Experteninterview zum Thema „Herzinfarkt“

(djd). Dr. med. Peter Bosiljanoff, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Nuklearmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in München. Schwerpunkte: Prävention und Behandlung von Gefäßerkrankungen, Arteriosklerose, Lipidologie.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland nach wie vor Todesursache Nummer 1. Woran liegt das, und sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen?
Dr. Bosiljanoff: Wenn wir von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sprechen, dann meinen wir meistens die Arteriosklerose und deren Auswirkungen auf das Herz wie Herzinfarkt, plötzlichen Herztod und Herzinsuffizienz. Diese Erkrankungen sind in hohem Maße Folge unserer Lebensumstände und letztlich auch unserer hohen Lebenserwartung. Denn es vergeht Zeit, bis Arteriosklerose die Gefäße schädigt – in Abhängigkeit von Anzahl und Ausprägung der Risikofaktoren. Frauen erleiden die Folgen etwa zehn bis 15 Jahre später als Männer, die Häufigkeit ist aber in etwa gleich.

Welche Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden?

Dr. Bosiljanoff: Hier müssen wir beeinflussbare und nicht beeinflussbare Risikofaktoren unterscheiden. Drei sind nicht beeinflussbar: das Geschlecht, die genetische Ausstattung und das Alter. Die übrigen Risikofaktoren sind in einer großen Studie, der Interheart-Studie, erforscht worden und lauten: Ungünstiger Fettstoffwechsel, Diabetes mellitus, hoher Blutdruck, Rauchen, erhöhter Bauchumfang – auch bezeichnet als abdominelle Fettsucht oder inneres Bauchfett – sowie privater oder beruflicher Stress. Dazu kommen Verzicht auf Obst und Gemüse, Bewegungsmangel und – man mag es kaum glauben und muss es mit Vorsicht formulieren – die völlige Alkohol-Abstinenz. Ab und zu ein Glas Wein schadet dagegen nicht.

Stichwort Übergewicht: Ab wann wird es zum Risiko? Sind schon ein paar kleine Pölsterchen gefährlich?

Dr. Bosiljanoff: Nein, nicht grundsätzlich. Wir halten aber insbesondere die oben erwähnte abdominelle Fettsucht, also den dicken Bauch, für gefährlich und zwar oberhalb eines Taillenumfanges von 88 cm bei Frauen und 102 cm bei Männern.

Was sind die Hauptursachen für Arteriosklerose, die ja eine große Gefahr für die Gefäße darstellt?

Dr. Bosiljanoff: Den wichtigsten Beitrag liefern die Fettstoffwechselstörungen – also erhöhte Cholesterin- und/oder Triglyzeridspiegel –, in engem Zusammenhang mit Entzündungsvorgängen, die wir noch nicht in vollem Umfange verstehen. Am Beginn kommt es zu geringfügigen Verletzungen der Gefäßinnenhaut, in denen dann vermehrt Blutfette, zum Beispiel LDL-Cholesterin, haften bleiben, die normalerweise mit dem Blut weiter transportiert würden. Diese lösen Entzündungsvorgänge aus, in der Folge bilden sich an der Gefäßwand cholesterinhaltige Ablagerungen, sogenannte Plaques. Reißt die Hülle der Plaques ein, bildet sich ein Blutgerinnsel, das das Gefäß verstopfen kann.

Wie kann ich mein persönliches Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen abschätzen und etwas über den Zustand meiner Gefäße erfahren?

Dr. Bosiljanoff: Je mehr Risikofaktoren man auf sich vereint, desto größer ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit. Empfehlenswert sind Risiko-Kalkulatoren, die auch im Internet eingesehen werden können, wie der „PROCAM-Score“, der „Framingham-Score“ oder der „ESC-Score“, um die gebräuchlichsten zu nennen. Den Gefäßzustand kann ein Kardiologe zum Beispiel mit Hilfe einer Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader beurteilen.

Was sagen der Gesamtcholesterinspiegel und die einzelnen Komponenten dieses Wertes aus?

Dr. Bosiljanoff: Es ist wichtig zu verstehen, dass die einzelnen Messwerte – sei es Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyzeride, systolischer Blutdruck oder was auch immer – nur Risikomarker sind. Sie beschreiben zwar durchaus korrekt das Risiko, das bedeutet jedoch noch nicht, dass die Beeinflussung dieser Werte grundsätzlich mit einer Verringerung des Arteriosklerose-Ausmaßes einhergeht. In der Regel bestimmen wir das Gesamtcholesterin und die Unterfraktionen LDL-Cholesterin und HDL-Cholesterin sowie gelegentlich auch das Lipoprotein (a). Aus der Konstellation dieser Lipoproteine leiten wir das individuelle Gefäßrisiko eines Patienten ab und versuchen dies gegebenenfalls durch die Senkung des LDL-Cholesterins zu reduzieren. Die Triglyzeride sollten 150 mg/dl nicht überschreiten, sie lassen sich von allen drei Werten am besten durch die Ernährung beeinflussen.

Kann man die einzelnen Blutfettwerte wie LDL- und HDL-Cholesterin gezielt beeinflussen, und wenn ja, wie?

Dr. Bosiljanoff: Wir können LDL- und HDL-Cholesterin in gewissem Maße durch eine Veränderung unseres Lebensstils beeinflussen. Das HDL-Cholesterin lässt sich beispielsweise geringfügig durch sportliche Betätigung oder auch durch das Aufgeben des Rauchens erhöhen, das LDL-Cholesterin kann man in gewissem Maße durch fettarme Ernährung senken. Zur Senkung des LDL-Cholesterins stehen uns aber in erster Linie wirksame Medikamente zur Verfügung.

Welche Medikamente stehen heute zur Senkung des LDL-Cholesterins zur Verfügung? Für welche Patienten ist welche Behandlung geeignet, und wann ist eine Kombinationstherapie sinnvoll?

Dr. Bosiljanoff: Die wichtigste Medikamentengruppe sind die Statine, die wir seit fast 25 Jahren erfolgreich anwenden. Andere bei uns verfügbare Medikamente sind Cholesterin-Resorptionshemmer wie etwa Ezetimib sowie die sogenannten „Gallensalzbinder“ wie Colestyramin, Colestipol oder Colesevelam, die nur im Darm wirken und Cholesterin der Ausscheidung zuführen. Zunächst werden in der Regel Statine eingesetzt. Führt das nicht zum gewünschten Erfolg, kann eine Kombinationstherapie mit einem der oben genannten Wirkstoffe sinnvoll sein.

Was kann ich selbst tun, um meinen Cholesterinspiegel und die damit verbundenen Risiken so niedrig wie möglich zu halten?

Dr. Bosiljanoff: Im Vordergrund stehen eine fettarme, fettmodifizierte und cholesterinarme Ernährung sowie ein vernünftiges Maß an körperlicher Betätigung. Sollte der betreuende Arzt der Auffassung sein, dass das errechnete Risiko für eine kardiovaskuläre Komplikation zu groß ist und eine Veränderung des Lebensstils nicht ausreicht, um dieses zu senken, so kommt die regelmäßige Einnahme von Lipidsenkern infrage.

Wichtige Leserfragen“Herzinfarkt“

Meine Eltern hatten immer Übergewicht, sind aber mit über 80 noch gesund. Liegt es nicht doch eher an den Genen, ob man einen Herzinfarkt bekommt?

Dr. med. Peter Bosiljanoff, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Nuklearmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in München: Das individuelle Zusammenwirken von genetischen Faktoren und beeinflussbaren Risikofaktoren macht das Ergebnis aus. Es gibt auch sehr alte Kettenraucher, die den bekannten Komplikationen bis ins neunte Lebensjahrzehnt ausweichen können. Das ist aber nicht der Normalfall. Insofern sollte den Risikoeinschätzungen und den daraus abzuleitenden ärztlichen Empfehlungen Folge geleistet werden.

Ich habe mein Cholesterin bestimmen lassen, aber so richtig verstehe ich die ganzen Werte nicht. Was bedeuten LDL, HDL und Triglyzeride?

Dr. Bosiljanoff: LDL und HDL sind Abkürzungen für die in den Körperzellen – vor allem in der Leber – gebildeten sogenannten Lipoproteine. Das sind relativ große Transportkörper mit Hunderten von Molekülen wie Proteinen, Enzymen und Vitaminen, die eben auch Cholesterin und Triglyzeride enthalten. Diese Transportkörper gibt es in verschiedener Form, etwa als LDL (Low Density Lipoprotein) und HDL (High Density Lipoprotein). Die Triglyzeride (Neutralfette) selbst sind Fettkörper, die aus Glycerin und drei angehafteten Fettsäuren bestehen. LDL-Cholesterin ist im Übermaß schädlich und wird daher häufig als „schlechtes“ Cholesterin bezeichnet, während HDL-Cholesterin eher positive Effekte hat.

Meine Mutter bekommt seit einiger Zeit ein Statin gegen ihren zu hohen Cholesterinspiegel, das sie aber schlecht verträgt. Gibt es Alternativen?

Dr. med. Holger Leitolf, Facharzt für Innere Medizin, Oberarzt in der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie sowie Leiter der Lipidambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover: Hier müsste man zunächst genau überprüfen, welches Statin in welcher Dosis nicht vertragen wird. Die sehr seltenen, aber möglichen Nebenwirkungen sind von Patient zu Patient verschieden und sowohl präparat- als auch dosisabhängig. Oft ist durch eine Verringerung der Dosis, einen Wechsel auf ein anderes Statin oder den Einsatz von Kombinationspräparaten eine verträgliche Therapie möglich. Bei Unverträglichkeit gegen alle verfügbaren Statine können Medikamente sinnvoll sein, die die Cholesterinaufnahme aus dem Darm beeinflussen und so eine Absenkung des Cholesterinspiegels bewirken.

Ich bin weiblich, 46, normalgewichtig und lebe gesund. Trotzdem ist mein Cholesterin zu hoch. Kann das sein, und muss ich nun Medikamente nehmen?

Dr. Leitolf: Die Höhe der Cholesterinwerte hängt nur zum Teil von der Zufuhr über die Nahrung ab und wird überwiegend von der körpereigenen Cholesterinproduktion in der Leber bestimmt. Daher können auch normalgewichtige Patienten mit völlig tadelloser Ernährung erhöhte Cholesterinwerte haben. Ab einer bestimmten Höhe sollte man bei solchen Menschen prüfen, ob eine erblich bedingte Fettstoffwechselstörung (familiäre Hypercholesterinämie) vorliegt. Dann ist eine Behandlung notwendig, um spätere Gefäßschäden zu vermeiden.

Mein Mann ist Diabetiker und seine Zuckerwerte sind gut eingestellt. Hat er trotzdem ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko?
Dr. Leitolf: Diabetiker haben ein deutlich erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko, das nicht nur vom Zuckerstoffwechsel abhängt. Mindestens genauso bedeutsam ist eine sorgfältige Behandlung der Cholesterinwerte und eines eventuell erhöhten Blutdrucks. Auf das Rauchen muss unbedingt verzichtet werden. Falls ein Übergewicht besteht, sollte auch der Versuch unternommen werden, dieses abzubauen. Das erhöhte Herz-Kreislauf-Risiko eines Diabetikers kann nur durch eine gleichzeitige Beachtung und gegebenenfalls Behandlung aller Risikofaktoren verringert werden.

Meine Cholesterinwerte lassen sich trotz gesunder Ernährung und Medikamenten nicht weit genug senken. Jetzt soll ich eine Kombitherapie bekommen. Was bedeutet das, und muss ich Nebenwirkungen befürchten?

PD Dr. med. Friedhelm Späh, Facharzt für innere Medizin und Kardiologie, Leitender Oberarzt in der Abteilung für Kardiologie des Helios Klinikums Krefeld: Das schädliche LDL-Cholesterin im Körper wird zu etwa einem Drittel aus der Nahrung aufgenommen, aber zu zwei Dritteln im Körper selbst produziert, vor allem in der Leber. Durch die cholesterinsenkenden Statine wird die körpereigene Cholesterinproduktion reduziert. Als Folge nimmt die Cholesterinaufnahme aus dem Darm zu. Hier kann eine Kombitherapie, beispielsweise mit einem sogenannten Cholesterinaufnahmehemmer ansetzen. Damit gelingt es oftmals, den LDL-Cholesterinspiegel stärker zu senken als mit einem Statin alleine.

Ich bin 67 und Risikopatient. Mein Arzt sagt, ich soll Sport treiben. Ist es denn nicht gefährlich für mein Herz, wenn ich mich zu sehr anstrenge?

Dr. Späh: Gerade bei über 65-Jährigen führt regelmäßige körperliche Aktivität zu einer beachtlichen, über 30-prozentigen Abnahme der Sterblichkeit. Die beste Wirkung bei erhöhtem Blutdruck, erhöhtem Blutzucker oder Cholesterin hatte bei untrainierten Menschen nicht Leistungssport, sondern moderate körperliche Aktivität. Also tägliches Treppen steigen statt Aufzug fahren; weniger sitzen; mehrfach in der Woche Ausdauertraining wie Wandern, Radfahren oder Schwimmen, dazu vielleicht Tennis oder Golf, aber auch dosiertes Krafttraining und Dehnungsübungen. Nach und nach verbessert sich die Lebensqualität: durch eine bessere Belastbarkeit, höhere körperliche Fitness, mehr Zufriedenheit und Wohlbefinden.

Für eine herzgesunde Ernährung wird immer Fisch empfohlen. Den mag ich aber überhaupt nicht. Was kann ich denn stattdessen essen?

Dr. Späh: Fisch wie Lachs, Makrele und Thunfisch ist eine wichtige Quelle für Jod und Vitamin D, aber vor allem für Omega-3-Fettsäuren, die vom menschlichen Organismus nicht selbst hergestellt werden können. Doch auch bestimmte Pflanzenöle wie Sojaöl, Rapsöl oder Walnussöl enthalten viele Omega-3-Fettsäuren. Auch Brokkoli ist ein guter Lieferant. Es genügt, zwei- bis dreimal pro Woche einen großen Salat mit Walnussöl oder Brokkoli in den Speiseplan einzufügen. Eine weitere Möglichkeit ist die Einnahme von Lachsölkapseln, die in der Regel ein Gramm Omega-3-Fettsäuren enthalten – einen ausreichenden Tagesbedarf. Jod und Vitamin D können bei Bedarf ebenfalls durch Tabletten ergänzt werden.

Mein Sohn ist Mitte 40, beruflich sehr erfolgreich, aber ständig im Stress und kommt nie zur Ruhe. Ist sein Herz in Gefahr, und was kann man dagegen tun?

Dr. med. Tobias Wiesner, Facharzt für Innere Medizin, Internist am MVZ Stoffwechselmedizin Leipzig: In den letzten Jahren sind etliche Studien veröffentlicht worden, die zeigen, dass Stress zu ganz erheblichen Komplikationen am Herzen führen kann. Inzwischen wird angenommen, dass er einer der größten Risikofaktoren für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Leider lassen sich die Ursachen von Stress nicht immer beheben, jedoch sollten alle Möglichkeiten genutzt werden, ihn zu minimieren, zum Beispiel durch Sport. Bereits 30 bis 60 Minuten Training können zu einer deutlichen Entspannung führen und auch den Schlaf positiv beeinflussen. Die wenigen Entspannungszeiten sollten außerdem nicht mit Fernsehen verbracht werden. Medikamente, die beruhigen oder Stressgefühle unterdrücken, sind nicht optimal und haben häufig nicht unerhebliche Nebenwirkungen. Stattdessen sollte man es lieber mit Entspannungstechniken versuchen.

Ich möchte möglichst gesund leben und auch auf meine Cholesterinwerte achten. Aber woher weiß ich, welcher Wert für mich richtig ist?

Dr. Wiesner: Ein guter Ansprechpartner ist immer der Hausarzt. Er kennt nicht nur Ihre Cholesterinwerte, sondern weiß auch, welche weiteren Erkrankungen bei Ihnen vorliegen. Denn wie hoch das LDL-Cholesterin sein darf, hängt von Ihrem individuellen Risikoprofil ab. Der Hausarzt und bei kritischen Werten gegebenenfalls auch ein Fettstoffwechselspezialist können dann den individuellen Zielwert aufgrund von Leitlinien und mit Hilfe von Risikokalkulatoren mit dem Patienten festlegen.

Seit einiger Zeit bekomme ich (51) Medikamente wegen meines zu hohen Cholesterinspiegels. Muss ich die nun ein Leben lang nehmen?

Dr. Wiesner: Medikamente zur Senkung eines hohen Cholesterinspiegels werden immer dann eingesetzt, wenn ein Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems vorliegt. Gerade bei jüngeren Patienten wie einem Mittfünfziger müssen Schlaganfall und Herzinfarkt vermieden werden. Im weiteren Verlauf des Lebens ist vom Hausarzt immer wieder eine kritische Risiko-Nutzen-Analyse durchzuführen. Dann muss ganz pragmatisch entschieden werden, ob die Therapie aufgrund anderer Zielwerte, die im Alter häufig eine Rolle spielen, noch notwendig ist.

Herzinfarkt und Schlaganfall – Risiko erkennen

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Wer auf seine Gefäße achtet, kann vorbeugen.

Es gab kompetenten Rat per Telefon von führenden Gesundheitsexperten
Ohne Herz und Hirn geht buchstäblich gar nichts. Ist eines dieser beiden wichtigsten Organe unseres Körpers geschädigt, kann es gefährlich werden. Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems mit Herzinfarkt und Schlaganfall als Folgen sind nach wie vor die häufigsten Todesursachen in Deutschland – rund 40 Prozent aller Sterbefälle gingen nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2012 darauf zurück. Das Kennen des eigenen Risikos und gezielte Vorbeugung könnten viele Erkrankungen vermeiden.

Risikofaktor Arterienverkalkung
Bei einem Herzinfarkt kommt es durch eine akute Unterbrechung der Durchblutung zu einem Sauerstoffmangel im Gewebe, das daraufhin abstirbt. Meist ist ein derartiger Gefäßverschluss die Folge einer ebenso stummen wie tückischen Vorerkrankung, der Arteriosklerose oder Arterienverkalkung. Dabei lagern sich an den Gefäßwänden zunächst unbemerkt Cholesterin, Bindegewebe und Kalk ab, wodurch die Blutgefäße immer enger und unelastischer werden. Bricht eine dieser auch „Plaque“ genannten Ablagerungen auf, bildet sich ein Blutgerinnsel, das ein Gefäß verstopfen kann. Passiert das im Herzen, kommt es zu einem Infarkt, im Gehirn zu einem Schlaganfall.

Gutes, böses Cholesterin
Ein wichtiges Anzeichen für ein bestehendes Herzinfarktrisiko können erhöhte Cholesterinwerte sein. Cholesterin ist ein in allen Zellen vorkommender, lebenswichtiger Naturstoff, der unter anderem für die Bildung von Zellmembranen, Hormonen und Gallensäuren benötigt wird; zu viel davon ist allerdings schädlich. Da es wasserunlöslich ist, wird es für den Transport im Blut in sogenannten Lipoproteinen „verpackt“. Dabei gibt es unterschiedliche Transportformen, vor allem das HDL (High Density Lipoprotein) und das LDL (Low Density Lipoprotein). In diesen beiden Formen zeigt sich die „gute“ und die „böse“ Seite des Cholesterins: Als LDL kann es sich an den Gefäßwänden ablagern und die Entstehung einer Arteriosklerose in Gang setzen. Dagegen hat das HDL eine eher positive Wirkung und transportiert überschüssiges Cholesterin zum Abbau in die Leber zurück.

Cholesterinwerte regelmäßig prüfen lassen
Das Tückische an einem erhöhten Cholesterinspiegel ist, dass man ihn nicht bemerkt. Auch die folgende Arteriosklerose bleibt am Anfang meist symptomlos. Um das Risiko rechtzeitig zu erkennen, empfehlen Experten deshalb, ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre die Blutfettwerte überprüfen zu lassen. Ob der gemessene LDL-Wert kritisch ist oder nicht, hängt nicht nur von seiner absoluten Höhe ab, sondern vor allem davon, ob weitere Risikofaktoren vorliegen. Dazu gehören neben Alter und Geschlecht – Ältere und Männer sind stärker gefährdet – auch Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Bewegungsmangel. Je nach Risikogruppe empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie eine Einstellung des LDL-Wertes auf 70 bis 115 mg/dl (1,8 bis 3,0 mmol/l): Je höher das individuelle Risiko, desto niedriger ist der Zielwert für das LDL-Cholesterin.

Zu hohe Werte effektiv senken
Um dieses Ziel zu erreichen, werden zunächst meist Lebensstiländerungen angeregt. Eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Fisch und wenig tierischen Fetten gehört ebenso dazu wie der Abbau von Übergewicht und regelmäßige Bewegung. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kann eine medikamentöse Therapie nötig werden. Dafür stehen als Standardtherapie die sogenannten Statine zur Verfügung. Liegen die Werte dann immer noch zu hoch, können diese mit anderen Wirkstoffen, etwa einem Cholesterinaufnahmehemmer, kombiniert werden, um eine größere Wirksamkeit zu erreichen.